Die Geschichte eines kleinen Wunders

Am 26. April 2012 kamen in unserem Haus die ersten Kitten zur Welt.
Natürlich waren wir sehr, sehr aufgeregt, als unsere hochträchtige Luna sich abends entschloss, in unserer Kommode ihr Nest zu bauen. Als nach einer gefühlten Ewigkeit des Aufstehnens, Hinlegens, mal kurz Pressens, wieder Aufstehen immer noch nichts passiert war und wir sehr verunsichert waren (es war schließlich unsere erste Katzengeburt) kam unsere Tierärztin zur Unterstützung ins Haus.
 
Luna hat wohl gemerkt, dass jetzt jemand da ist, der sich auskennt, und hat nach wenigen Minuten und kräftigen Presswehen ein großes blue-torbie Mädchen zur Welt gebracht. Puh, das erste war geschafft, Luna hat brav die Nachgeburt verspeist, wir waren glücklich – jetzt hieß es warten.
 
Bei der Geburt des zweiten Kittens hat sich Luna sehr, sehr angestrengt – heftige Presswehen, Hecheln, es war viel schlimmer als beim ersten. Dann kann sie zur Welt, die Nabelschnur bereits abgerissen, von der Nachgeburt nichts zu sehen – ein kleines buntes Wunder von ordentlicher Größe. Der Schreck kam, als wir sie auf die Hand nahmen und auf den Rücken drehten. Auf dem winzigen Babybäuchlein ein etwa 1-Euro-großer, haarloser, fleischroter Fleck, wo nur ein Häutchen das Außen vom Innen zu trennen schien. Etwas oberhalb der fleischigen Stelle schien das kleine Herzchen direkt unter der Haut zu schlagen, augenscheinlich fehlte der untere Teil des Brustbeins. Mühsam atmete das Babykätzchen, das Bäuchlein dehnte sich dabei wie ein Blasebalg.
Total geschockt, wollte ich das arme Würmchen auf der Stelle einschläfern lassen, so überfordert war ich von dem Anblick diese kleinen Wesens.
 
Mein Mann und meine Tierärztin beruhigten mich etwas und baten mich, der Kleinen eine Chance zu geben. Luna putzte sie ja liebevoll und mit etwas Hilfe schaffte sie es schließlich auch, sich eine Zitze zu suchen, wenn sie auch ohne rechte Kraft daran saugte.
 
Zwei Stunden später kam noch ein vollkommen gesundes Mädchen zur Welt. Um 4 Uhr morgens schließlich bin ich eingeschlafen – als ich um 5 Uhr von Lunas Schmatzen wieder aufwachte, fraß sie gerade die Nachgeburt, die zu unserem Nachzügler, einem kräftigen roten Katerchen, gehörte.
 
Das größte Wunder aber war, das unser kleines buntes Mädchen die Nacht überlebt hatte und friedlich an Mama gekuschelt schlief.

Opal norwegische Waldkatzen von den Raben München

Die nächsten Tage verbrachten wir mit viel telefonieren, Rat bei erfahrenen Züchtern einholen und stundenlangem Warten in der Tierklinik und beim Tierarzt. Die Kleine wurde in der einen Tierklinik geröntgt, Diagnose Nabelbruch, kann man später operieren, Brustbein ist noch nicht verknöchert, kann man noch nicht sehn ... Und wir gingen auf die Suche nach einem Tierarzt, der bereit war, dem Würmchen ein Antibiotikum zu spritzen um zumindest Infektionen von Bauch und Lunge (es bestand Verdacht auf eine Lungenquetschung) zu verhindern. Nach langem Suchen fanden wir schließlich am Sonntag eine junge Assistenzärztin im Notdienst, die bereit war, unserem Sorgenkind ein Antibiotikum zu geben und zur weiteren Behandlung Antibiose in Minidosen zu verschreiben.
 
Zwischen den Tierarztbesuchen versuchten wir nun rund um die Uhr, der Kleinen zumindest ein paar Tröpfchen Aufzuchtmilch einzuflößen, da das Trinken bei der Mama noch nicht so wirklich klappte. Ich wollte dem Würmchen erst nicht mal einen Namen geben, da ich nicht daran glaubt, dass sie es schafft... Mein Mann hat mir sehr ins Gewissen geredet, dass jedes Lebewesen einen Namen verdiene, auch wenn es nur kurz bei uns ist. Wir haben uns dann entschieden, das bunte Kätzchen Opal zu nennen, unser kostbarer bunter Edelstein.
 
So vergingen die ersten Tage mit Bangen und Hoffen, die Kleine nahm nur langsam etwas zu. Füttern lassen wollte sie sich gar nicht und an der Zitze war sie oft zu schwach zum Trinken oder zu langsam. Das Sorgen nahm kein Ende.
 
Ganz besonders ist mir eine Nacht in Erinnerung geblieben: die Kitten waren vielleicht eine Woche alt und mit Mama Luna ins unterste Fach im Bücherregal umgezogen. Irgendwann nachts zwischen den Fütterversuchen legte mir Luna das kleine fiepende Bündel Opal erst ins Bett und schleppte es dann unter den Kratzbaum in die hintersten Zimmerecke, um es dort liegen zu lassen.
 
Ich hab die Kleine zurück ins Nest getragen und mich innerlich damit abgefunden, dass sie die Nacht nicht überleben würde. Morgens im Halbschlaf hab ich als natürlich sofort nachschauen müssen, Luna lag bei den Kleinen und beim Griff nach einem gefleckten Stück Fell: starr und kühl.... ich hatte ja damit gerechnet, aber trotzdem…. Erst langsam dämmerte mir, dass, was ich für das tote, steife Kitten gehalten hatte, der Hinterlauf von Luna war. Schnell das Nest durchsucht, da war sie und strampelte im Schlaf leicht mit den Beinchen – was für eine Erleichterung!
 
So vergingen die ersten Wochen, Opal kämpfte sich tapfer durch, entwickelte sich zunehmend ganz normal, die Atmung wurde besser, nur ein bisschen kleiner war sie als ihre Geschwister, aber lebhaft und quietschfidel. Wir fingen an zu hoffen!
 
Als die Kitten anfingen eigenständig zu fressen, holte Opal rasch an Gewicht auf und mit knapp 10 Wochen war ihr fast nichts mehr anzumerken. Der fleischrote Fleck am Bauch war erst verkrustet, dann fiel die Kruste ab und ein felloses Stückchen Haut kam zum Vorschein. Das Herzchen klopfte immer noch direkt unter der Haut, aber die Kleine entwickelte sich toll.

Opal norwegische Waldkatzen von den Raben München

Dann ging es Opal eines Morgens plötzlich gar nicht mehr gut, sie wollte weder fressen noch spielen, lag nur mehr müde da – ein Häufchen Elend. Wir bemerkten schließlich im Brustbereich plötzlich einen beweglichen, festen Knubbel. So saßen wir wieder noch weit vor 8 Uhr morgens mit ihr in der Tierklinik. Die müde junge Ässistenzärztin aus der Nachtschicht machte eine Erstuntersuchung, fand das alles nicht so dramatisch und bat uns, später wieder zu kommen. Wir baten sie aber, Opal sofort aufzunehmen und alles für eine Operation des vermuteteten Nabelbruchs in die Wege zu leiten. Sie versprach, sich nach der Visite durch die leitende Ärztin der chirurgischen Station umgehend telefonisch zu melden.
 
Gegen 9 Uhr klingelte mein Telefon: die Missbildungen seien wesentlich schwerer als angenommen, das Zwerchfell sei komplett gerissen, die Leber liege neben dem Herzen , der feste Knubbel war der Magen, der sich in den Brusttraum verschoben hatte, eine sofortige OP sei unumgänglich, ob ich diese zu den vorgeschlagenen Kosten durchführen lassen möchte?
 
Ja, das wollte ich! Man sagte mir noch, dass man die Kleine nicht mehr aufwachen lassen würde, falls im Laufe der OP weitere innere Missbildungen sichtbar würden. Ich stimmte zu, was blieb mir denn auch anderes übrig.
 
Jetzt begann das bange Warten. Irgendwann am Nachmittag kam der Anruf – Opal hatte die OP überstanden und war auch schon wieder aufgewacht. Im Zuge der Operation hatte man ihre Brustwand von innen verstärkt, die inneren Organe alle wieder an ihren Platz gebracht, ein neues Zwerchfell verankert (fragt mich bitte nicht, wie das gemacht wurde) und die Bauchmuskulatur endlich geschlossen, nachdem man sie mit einem Netz unterfüttert hatte. Wie sich jetzt herausstellte, war ihr Nabelbruch eine Form des offenen Bauches, bei nur durch ein dünnes Häutchen anstelle einer geschlossenen Bauchdecke bzw. Bauchmuskulatur ausgebildet war.
 
Nach unglaublichen 24 Stunden durften wir unser Mäuschen bereits nach Hause holen, mussten sie aber für weiter zwei lange Wochen von ihrer Familie isoliert in einem Hamsterkäfig halten, bis ihre Operationswunde abheilt war.
 
Was soll ich sagen? Prinzesschen Löwenherz hat es geschafft! Sie wurde in dieser Zeit zwar zur überzeugten Stehpinklerin und ist es heute noch, aber was spielt das schon für eine Rolle!

Opal norwegische Waldkatzen von den Raben München

Nach der nötigen Antibiotikabehandlung hatten wir noch monatelang mit schweren Durchfällen zu kämpfen, aber das ist eine andere Geschichte, die wir vielleicht ein anderes Mal erzählen werden. Und am Ende haben wir auch das gemeinsam geschafft.
 
Unsere Tierärztin wollte damals vor dem Fädenziehen unbedingt noch ein Beweisfoto, das sie an die Krankenakte heften konnte – sie sagt, die Geschichte dieses besonderen Kätzchens glaubt ihr keiner. Das Kätzchen Opal, das dürfte es nicht geben, das dürfte nicht leben. Opal ist ein Zauberkätzchen!

Opal norwegische Waldkatzen von den Raben München

Dass Opal noch dazu dreieckige Pupillen hat, die sie zwingen, bei hellem Licht ihre Augen etwas zuzukneifen, das ist uns erst viel später aufgefallen. Aber sie stört das nicht weiter, Schmetterlinge fangen, das geht auch mit halb geschlossenen Augen.
Opal lebt ein glückliches Katzenleben und macht uns glücklich, jeden Tag.
 
Und das ist doch das Einzige was zählt!

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